Theater als Vermittler umfassender Erfahrungen
Ein Projekt in Kooperation mit Olivia Pussert.
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Stimmung als Aspekt des Entwerfens
Wie können wir als Gestaltende einen
guten Raum denken und erschaffen? Was
bedeutet ein guter Raum für mich? Welche
Wirkung hat unsere gebaute Umwelt
auf uns? Welchen Einfluss auf unsere
Sinne und somit unser Befinden? Diese
Fragen beschäftigen uns beim Gestalten
von Architektur. Wir wollten unseren Zugang
zu Räumen und unsere Wahrnehmung
von Orten besser verstehen. Vielmehr
aus Neugier nach Erkenntnissen als
mit einem konkreten Ziel. Dieses Interesse
daran kam auch aus einer Kritik am
klassischen Entwurfsprozess. Dabei geht
viel verloren, bzw. wird gar nicht erst beachtet.
Gestalten darf nicht reduktiv passieren.
Die Wahrnehmung unserer Umgebung
ist sehr differenziert. Subjektiv und
veränderlich. Beständig, vor allem in der
eigenen Erinnerung.
Wir haben unsere eigenen Wahrnehmungen
von Räumen und Orten beobachtet.
Räume, die wir gut kennen, die wir
kennen lernen, die uns sehr entfernt sind
oder nur in der eigenen Imagination existieren.
Welche Aspekte dieser Orte beeinflusst
unser Gefühl dazu? Wodurch haben
wir einen Bezug zu diesen Orten? Sind es
unsere eigenen Geschichten? Die Gründe,
die uns an diese Orte führen. Zu welcher
Zeit, mit welchen Leuten wir diese
Räume betreten?
In meiner Wahrnehmung von Raum
spielt die Lichtstimmung immer eine
sehr große Rolle. Ich beobachtete mich
selbst, wie ich in einer Stadt unterwegs
bin, die ich nicht kenne und immer dem
Licht folge, mich erleuchtete Orte anziehen.
Oder wie ich meinen eigenen
Raum, mein Zimmer, in dem ich mich
wohl fühlen möchte, beleuchte. Indirektes
warmes Licht und eine spärliche
Leuchte, um abends müde zu werden.
Licht und auch die Abwesenheit davon
formt Atmosphären ganz besonders stark
und Atmosphären formen Räume. Sie
geben ihnen einen Charakter, der vordergründig
wirkt. Es lässt uns ein und denselben
Raum ganz anders wahrnehmen.
Licht und Dunkelheit haben eine riesige
Wirkung für Räume und somit eine große
Bedeutung für die Gestaltung derer.
Eine Atmosphäre besteht oft aus verschiedenen
Aspekten, meist sogar aus
mehr als wir denken. Es ist ein komplexes
Zusammenspiel zwischen Licht, Haptik,
Geruch, Umgebung, Geräuschkulisse,
soziale und persönliche Situation. Und
diese Atmosphären oder Stimmungen
werden als fühlbare und raumgreifende
Gefühlsqualitäten verstanden, die nicht
nur vom Menschen erlebt, sondern auch
von Orten und sozialen Situationen ausgestrahlt
werden.

Theater als öffentlicher Raum der
Dunkelheit
Dunkelheit im Theater
Theater ist für mich wie ein Rückzugsort
von der Realität, es werden Geschichten
erzählt.
Es ist ein dunkler Raum in dem man sich
mit vielen fremden Menschen aufhält,
ohne sie zu sehen oder mit jemandem zu
sprechen und trotzdem ist es nicht bedrohlich.
Anders als an anderen Orten
der Öffentlichkeit, die ich bei Nacht nicht
gerne aufsuche. Es ist also ein dunkler
Raum, den ich mit Fremden wahrnehme,
ohne dass ich mich unwohl dabei fühle.
Ich denke, das hat sehr viel damit zu tun,
dass sich alle zum gleichen Zweck an
diesem Ort zusammenfinden. Es geht um
etwas anderes als sich selbst. Es geht nur
um die Geschichte und jeder lässt sich
darauf ein.
Theater als Vermittler
Der Bühnenraum hat nur die eine Aufgabe
des Vermittelns - Stimmungen auf
die Zuschauer zu übertragen, den Raum
für eine Geschichte oder ein Gefühl zu
bilden.
Es ist ein architektonischer Raum, ein
Gebilde, in dem Räume, Plätze, Unterschlupfe,
Flächen, Lücken und Verstecke
entstehen, wodurch die Darsteller_innen
eine Geschichte erzählen können. Es ist
also Architektur, die vorrangig keinen
naheliegenden Nutzen vorsieht. In diesem
Schlafzimmer wird niemand übernachten
und in der Küche niemand kochen
und auf diesem Berg hat man wohl
nicht die beste Aussicht. Es geht um das
Gefühl, was dabei erzeugt wird.
Nach meiner Erfahrung kann man bei
der Gestaltung derartiger Räume aber
ganz besonders viel mitnehmen für die
Gestaltung sämtlicher, auch alltäglicher
Architekturen. Bei Bühnenräumen geht
es ganz stark um den Kontext, der diesen
Raum füllen soll, wie der gebaute Raum
die Handlung unterstützt.
„Einen Raum erfinden, das heißt für sie:
einen eigenen Weg zum Text finden, keine
„Lösung“, sondern das Feld, den Geruch
des Stoffes. Durch hessische Dörfer
fahren für Woyzeck. In den Kindheitserfahrungen
Anknüpfungspunkte finden.
Geschichten austauschen. Riesige Skizzenbücher.
Und die Hassliebe zum realen
konkreten Theaterhaus nicht vergessen.
Unbeirrbar im Fake-Land Theater nach
dem fragen, was etwas ist. Die Stoffe, die
Dinge, die Kostüme, das Licht: das darf
nicht einfach „Zeichen für“ sein, schon
gar nicht rasch gezimmerte Illustration.
Ein bildhaftes und, wenn man so sagen
darf, stoffliches Denken ist in diesen Räumen,
diesen Kostümen eingearbeitet, zum
bildhaften Denken, taktilen Sehen leitet
sie den Blick hin.“
Hans-Thies Lehmann über Anna Viebrock.
Anna Viebrock Bühnen/Räume
damit die Zeit nicht stehen bleibt. 2000

Licht im Theater
„Die Seele des Bühnenraums ist das
Licht. Es gibt der Phantasie des Betrachters
die notwendige Orientierung.“
Hainer Hill. Grabinschrift
Im Theater ist Licht ein ganz besonders ausschlaggebendes Gestaltungselement. Es kann kleinen Momenten eine große Wirkung geben. Licht ist etwas theatralisches. Bei der Beobachtung unserer eigenen Umwelt und dem fotografischen Festhalten eigener Erlebnisse wird das
sichtbar. Durch Licht können alltägliche Momente theatralisch wirken.
Der Bühnenraum
Das Bühnenbild ist nicht wirklich ein
Bild. Es ist vielmehr ein Bühnenraum.
Der Unterschied zu einem bloßen Abbild
besteht darin, dass er konzipiert wird, um
Geschichten zu erzählen. Es besteht also
kein Wahrheitsanspruch. Die Bühne ist
zwar nur einseitig ausgerichtet und ist für
die Betrachtenden durch einen Rahmen,
der die Grenzen setzt, hindurch zu sehen.
Trotzdem ist die Bühne als Raum wahrnehmbar.
Man kann sich darin bewegen,
er wird durch Licht, Sprache, Bewegung
bespielt und somit lebendig. Erfahrbar -
auch durch das bloße Betrachten.
Die Stimmung erzählt die Geschichte!
Es war uns wichtig zu beobachten, aufmerksam
durch unsere gebaute Umwelt
zu gehen und die Dinge und die Stimmungen,
die uns etwas fühlen lassen,
aufzunehmen. Fotografisch, zeichnerisch
oder einfach als eindrückliche Erinnerung.
Und das passiert sogar unterbewusst.
So vielleicht sogar umso stärker
und das merkt man dann erst im Nachhinein,
wenn sich ein Bild oder ein Gefühl
immer wieder im Kopf aufzeigt.
Uns war es ein Anliegen mit unseren
persönlichen Erinnerungen zu arbeiten.
So werden unumgänglich nur die wirklich
eindrücklichen Wahrnehmungen
transportiert, die sich in uns festhalten
und bleiben. Das was wirklich einen Eindruck,
ein Gefühl auslöst, darauf kann
man noch sehr lange zugreifen. Es spielen
immer subjektive Faktoren eine Rolle
für das Stimmungsbild. Die eigenen Erfahrungen
haben für uns einen besonderen
Wert, sie formen unsere Idee von
stimmungsvollen Räumen.
Die Methode ein Bühnenbild zu entwerfen,
war für uns eine Möglichkeit, die
Thematik sichtbar zu machen. An einem
konkreten Objekt auszuprobieren und
somit unsere eigenen entwerferischen
Methoden und Herangehensweisen weiterzuentwickeln.
Durch unsere eigenen
Geschichten finden wir einen neuen Zugang
zur Gestaltung und mit diesen Erkenntnissen
können wir unsere eigenen
Entwurfsprozesse sensibilisieren.
Wir haben unsere Erinnerungen wieder
aufleben lassen und unsere Eindrücke gesammelt
und einprägsame Stimmungen
rekonstruiert.
Geschichte 1
open
Ein unbekanntes
ungeordnetes Zuhause auf Zeit,
weit weg von allem was gewohnt ist.
Geschichte 2
open
Eine Kindheitserinnerung
an einen Ort der Familie.